Siebte Etappe: Reims

Reims: Wer denkt da nicht an Kathedrale und Champagner (und an Talleyrand)?

Heute also auch in der rue de Talleyrand gewesen. Allerdings muss man dazu sagen, dass diese nicht nach Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord benannt wurde, sondern nach seinem Onkel, Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord, erst Coadjutor und später Erzbischof von Reims (und noch später Kardinal von Paris). Bei Onkel Alexandre-Angélique verbrachte Talleyrand (also Charles-Maurice) als Fünfzehnjähriger gezwungenermaßen ein Jahr, weil seine Familie glaubte, ihm so eine Karriere in der Kirche schmackhaft machen zu können. Der Onkel wohnte in Hautvillers, etwa 20km südlich von Reims, wo ich morgen noch vorbei fahren will.

Die Kathedrale von Reims ist wirklich ganz schön groß. 32 französische Könige sind hier gekrönt worden; der letzte war Charles X, das war 1825 – und Talleyrand war natürlich dabei, so wie er 50 Jahre vorher bei der Krönung von Louis XVI dabei war, im Alter von 21 Jahren. Seine Funktion bei ersterer war allerdings eine sehr andere, als die bei letzterer – bei Charles X, dem letzten König von Frankreich, war er Kammerherr und wichtig, bei der von Ludwig dem Sechzehnten war er schlicht der (sehr motzige) Sohn eines der vier Phiolenträger und außerdem der Neffe des Coadjutors des Erzbischofs, und konnte sich deshalb schlecht rauswinden aus der Verpflichtung, wochenlang im erzbischöflichen Palast rumzuhängen und seinem Onkel und seinem Vater (und den anderen Phiolen- und sonstigen Würdenträgern) dabei zuzusehen, wie sie die Krönungszeremonie vorbereiteten. Am Anfang saß er offensichtlich nur ostentativ gelangweilt in der Ecke herum, lernte dann aber recht schnell 12 (namentlich bekannte) junge Frauen kennen, mit denen er sich dann noch prächtig amüsiert haben soll – ob er wirklich, so wie es die Legende will, mit allen 12 geschlafen hat, in diesem Sommer 1775? Vermutlich nicht, aber anbrennen lassen hat er sicher auch nichts.

Wie auch immer, ich war also im erzbischöflichen Palast, wo sich heute das Museum der Kathedrale befindet, und wo ich den Krönungsmantel von Charles X und allerhand anderes Krönungsgedöns besichtigt habe – leider ist aus dem Achtzehnten Jahrhundert nicht mehr viel übrig, dafür hat die Revolution gesorgt: auch die einst von Charles-Daniel de Talleyrand (mit)getragene heilige Ampulle ist dabei kaputt gegangen, weil irgend ein Idiot sie 1794 gegen einen der Kirchenpfeiler geworfen hat. Schade! Eigentlich wäre das 1794 nicht mehr nötig gewesen, aber da war wohl ein ganz Eifriger am Werk.

Ich bedaure es, nicht irgendwie so ein bisschen esoterisch drauf zu sein. Wirklich! Denn dann würde ich mir sehr gerne einbilden, durch die Zeit sehen zu können – “Präsenzen zu spüren”, und all sowas. Dann hätte ich heute vielleicht, wenn ich die Augen halb geschlossen und ein wenig daneben gesehen hätte, irgendwo im erzbischöflichen Palast den Schemen eines sehr blassen jungen Mannes in einer schwarzen Soutane gesehen, hingelümmelt auf eine dieser lila Sitzbänke, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen…

Bin ich aber halt jetzt so gar nicht, und drum habe ich auch keine Präsenzen gespürt oder hinkende junge Männer in schwarzen Soutanen gesehen (was mich freuen sollte, denn sonst sollte ich mir wohl Gedanken über meine geistige Gesundheit machen). Meine mangelnde Clairvoyance kann aber natürlich auch daran liegen, dass die Deutschen (ja, wir mal wieder) 1914  Reims in Schutt und Asche gelegt haben, und sowohl die Kathedrale als auch der erzbischöfliche Palast mühsam wieder restauriert werden mussten – worin  man da also rumläuft, ist keineswegs der selbe Boden und Stein, auf dem die Leute vor 1914 herumgelaufen sind. Und das kriegt man hier schon ganz schön unter die Nase gerieben – es muss natürlich auch wirklich traumatisch gewesen sein.

Allerdings ist Reims eine der wenigen Städte, in denen der Krieg nicht dazu geführt hat, dass jetzt alles ganz furchtbar scheußlich ist – vielleicht liegt das daran, dass die größten Zerstörungen bereits im Ersten Weltkrieg stattfanden und dass danach noch mehr Geld für Reparaturen zur Verfügung stand, als dann nach dem Zweiten Weltkrieg, wo wirklich gar nichts mehr da war für Restauration, oder dass die frühen 20er Jahre prinzipiell eine bessere Epoche für Neubauten waren, als es die 50er waren – es gibt hier tatsächlich sogar einige sehr eindrucksvolle Art Deco Gebäude.

Dann habe ich mir heute noch Saint-Remi de Reims angesehen (auch ziemlich groß), und musste danach leider feststellen, dass das Musée des Beaux Arts (in dem – Achtung, ganz langer Satz, der Marcel wäre stolz auf mich – nicht nur allerhand bekannte Bilder von renommierten Künstlern hängen, sondern das sich auch in der ehemaligen Abbaye de Saint-Denis befindet, deren Abt Talleyrand noch im selben Jahr 1775 wurde, in dem er an der Krönung von Louis XVI teilnahm (was sicher sein einflussreicher Onkel Alexandre-Angélique bewirkte), eine Tatsache, die ihn allerdings nicht dazu bewog, seine klerikale Karriere in Reims weiter zu verfolgen, wie sein Onkel sich das wohl vorgestellt hatte, sondern natürlich zurück nach Paris zu gehen, wo deutlich mehr Kühe flogen (und auch heute noch fliegen) als jemals in Reims (bestimmt waren es Flokatikühe), ihm aber unheimlich viel Geld einbrachte (ich könnte immer so weiter schreiben, aber jetzt ist mal gut) – also, das Museum war zu. Geschlossen bis zum 7. Dezember, weil sie irgendwas renovieren. Scheint auch nötig zu sein, von außen sieht es nämlich zumindest so aus, als sei seit 1775 nichts mehr renoviert worden (und ein Schild verkündet, dass dieses Gebäude 1914 nicht (!) von den Deutschen zerstört worden und daher als eines der wenigen im Originalzustand erhalten sei. Na uff.)

Jeanne d’Arc muss natürlich auch ab und zu geputzt werden:

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