L’art de la conversation

Nun habe ich ja bis jetzt mein gesamtes Arbeitsleben in einem Umfeld verbracht, in dem die Kollegen im Großen und Ganzen  intelligent und gebildet, die meisten gut erzogen, und viele höflich und nett waren. Dennoch ist die Wissenschaft natürlich in gewisser Weise ein Auffangbecken für Leute, die aus irgendwelchen Gründen mit der Gesellschaft nicht so klar kommen – was eigentlich eine gute Sache ist: dass das geht, dass Mutisten und Asperger und Sonderlinge jeglicher Couleur dort eine Nische finden und durchaus erfolgreich sein können. Die häufig beschworenen social skills helfen natürlich auch im Wissenschaftsbetrieb; die wahren Bigheads sind meistens nicht nur wirklich gute Wissenschaftler mit dem Gespür für die richtigen Fragestellungen und der Fähigkeit, die gestellten Fragen auch zu beantworten, sondern auch gute Politiker und fähige Manager. Insgesamt ist es aber schon so (vor allem, da die Sozialstruktur natürlich quantitativ von den “unteren Schichten”, also von Doktoranden und (jungen) Postdocs, und nicht von den wirklich Mächtigen und den Berühmtheiten dominiert wird), dass der Anteil an Leuten, die irgendwie “komisch” sind, schon recht hoch ist.

So gab es dann zum Beispiel immer wieder diese grauenhaften Mittagessen in der Kantine, wo eine Gruppe von 10 oder mehr  Kollegen am Tisch saß, und alle starrten in ihren Teller und schaufelten sich das Essen in ihre Münder, und niemand sagte auch nur ein Wort. Am Anfang versucht man dann ja noch, Konversation zu treiben, bevor das Schweigen unerträglich wird, und ich war natürlich nicht die einzige, die sich da irgendwie “sozial verpflichtet” fühlte. Aber anstrengend ist das, wenn auf jede Frage an das Gegenüber nur “ja”, “nein”, auf “Wie war Dein Wochenende?” nur “nix Besonderes” kommt – irgendwann gibt man dann halt wieder auf und ist froh, wenn jemand anders hartnäckiger oder gewandter ist in der Art de la conversation.

Auch auf Konferenzen, auf denen man niemanden so richtig gut kannte, stand man ja gerne mal ein paar Kaffeepausen lang dumm rum, bevor man es schaffte (bzw sich aufraffte), irgend ein Gespräch zu haben. Wenn man sich einfach zu einem Grüppchen dazustellt, wird man selbstverständlich erstmal ignoriert, bis man eben die Initiative ergreift und sich einfach reindrängelt  in die Unterhaltung – was ich eigentlich als ein wenig ungehobelt, unhöflich, ja, unkultiviert empfinde.

Und jetzt komme ich zu dem, was ich eigentlich heute hier schreiben wollte: Es ist wundervoll, sich in einer Arbeitsumgebung zu bewegen, in der das alles ganz anders ist. In der man mit einem Kaffee in der Hand zu einem zusammenstehenden Grüppchen tritt, und nach weniger als 10 Sekunden sagt irgend jemand, “We were just talking about… “, und man ist in die Plauderei mit einbezogen. In der man mit jedem einfach unkompliziert plappern kann, egal, ob man sich jetzt wahnsinnig sympathisch ist, oder nicht – es ist eine professionelle, kultivierte, angenehme Atmosphäre. Und ja, es ist in den allermeisten Fällen Smalltalk. Aber ich sitze so viel lieber beim Mittagessen und unterhalte mich über Parkplatzprobleme in Paris und München, Hochfrequenzfilmaufnahmen, italienische Bahnverbindungen, Supermärkte, Vor- und Nachteile von Facebook, Übersetzungen von Flaubert, die Preise von Friseuren und Autowerkstätten in Holland,…  als Leuten zuzusehen, die schweigend irgendwas in sich hinein stopfen und vermutlich nur hoffen, dass die Mittagspause möglichst bald vorbei ist, und verzweifelt darüber nachzudenken, wie unter diesen Bedingungen eine auch nur annähernd vernünftige Konversation in Gang zu bringen sei…

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One Response to L’art de la conversation

  1. Franzi says:

    Wie schoen.

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