Demokratie III

Ich war also wählen. Und da ich ja diesbezüglich nun auch schon auf langjährige Erfahrung zurückgreifen kann, konnte ich fein die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Vorgangs beobachten; spannende Sache.

Erstmal: Mittwochs. Warum Mittwochs? Sonstwo (und nicht nur in Deutschland) finden Wahlen gemeinhin Sonntags statt, da haben schließlich die meisten Leute frei und können im Sonntagsstaat feierlich ihr Kreuzchen machen. Nicht so hier: Wahlen an einem gemeinen Wochentag, wo Hinz und Kunz arbeiten muss. Dafür haben die Wahllokale aber von 7:30 bis 21:00 Uhr geöffnet, so dass auch ich nach der Arbeit und nach meinem Holländisch-Kurs noch meiner Bürgerpflicht nachgehen konnte. Und: man ist nicht an ein Wahlbüro gebunden, man kann in jedem beliebigen Wahlbüro (innerhalb des Gebiets, für das die zu wählende Waterschap zuständig ist, natürlich, aber die sind ja groß) wählen. Das macht es prinzipiell auch einfacher, zum Beispiel einfach auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit oder zum Supermarkt oder sonstwohin noch eben schnell beim Wahlbüro vorbei zu schauen.

Als solches kommt dann schon auch mal die Kneipe umme Ecke in Frage, was ein bisschen bizarr, aber eigentlich nicht schlecht ist: In Deutschland schleicht man dann ja meistens ein wenig beklommen durch ein abgeranztes Schulgebäude und freut sich hinterher, dem Alter entwachsen zu sein, in dem man seine Zeit zwischen vergilbten Wänden, verkratztem Mobiliar und auf fast schmerzhafte Weise schlechten, von ihren Schaffern aber für großartig befundenen Wandmalereien verbringen muss – da ist eine Kneipe oder ein Supermarkt doch eine angenehme Alternative.

In meinem Fall – und ich bin tatsächlich zu dem meiner Wohnung nächsten Wahlbüro gegangen – handelte es sich um eine Turnhalle, ich glaube, auch einer Grundschule, weshalb sich ein durchaus vertrautes Wahlgefühl einstellte. Dann war erstmal alles wie in Deutschland: Man gibt seinen Stimmpass ab, zeigt seinen Ausweis vor (leichtes Stirnrunzeln beim Blick auf meinen deutschen Pass), bekommt den Wahlzettel, und geht in die Kabine, die in diesem Fall weniger vor Blicken anderer geschützt war, als ich das gewohnt bin, aber die Niederländer haben ja auch größere Fenster ohne Vorhänge, vielleicht haben sie dann beim Wählen auch weniger Hemmungen, preiszugeben, was sie da zwischen den zwei Bretterwänden treiben. Ich wusste, was ich wählen wollte, also ging es schnell – man muss mit einem roten Buntstift, der in der Kabine liegt, das Kästchen neben seinem Wunschkandidaten rot machen, das kennt man.

Jetzt kommt etwas, was wieder deutlich angenehmer als der deutsche Wahlgang ist: in Deutschland (in Schottland übrigens auch, aber damit habe ich begrenzte Erfahrung, denn in den drei Jahren, in denen ich da gewohnt habe, habe ich nur bei einem Referendum mitgemacht) ist man jetzt damit beschäftigt, den Stimmzettel in etwa 3000 Briefumschläge zu vertüten (der rosa Zettel in den blauen Umschlag, und der dann in den grauen, dann…) – man zerschneidet sich die Zunge und schmeckt noch stundenlang Knochenleim im Mund, bäh. Nicht so hier: Man faltet den Zettel wieder zusammen, so dass man nicht sehen kann, was man gewählt hat, und steckt ihn dann in die Wahlurne. Fertig. Keine Briefumschläge (ich will mir auch gar nicht vorstellen, was es für eine grauenhafte Arbeit sein muss, die alle wieder aufzufriemeln!).

Das war’s. Also alles im Wesentlichen genau so wie in Deutschland, mit kleinen, aber feinen Unterschieden. Und ich war dabei! Fühle mich der Integration schon ein Stückchen näher.

Heute war ja Sonnenfinsternis. Man hätte sie auch von hier auch gut sehen können, aber ich war mir nicht ganz sicher, wo die Sonne war, irgendwo da:

2015-03-20 10.26.23

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